Der Psychiater, der den Himmel erobert

Bertrand Piccard erzählt, warum Entdecken für ihn eine Geisteshaltung ist, welche neuen Horizonte Ärztinnen und Ärzte im Blick haben sollten.

Der Psychiater, der den Himmel erobert

Bertrand Piccard ist Psychiater, Hypnotiseur, Abenteurer, Umweltpionier und noch vieles mehr. Der 67-Jährige wurde mit seinen Weltumrundungen im Ballon und im Solarflugzeug bekannt – und sucht gleichzeitig in der Psychiatrie nach Antworten im Inneren des Menschen. In der Rubrik «Sprechstunde» erzählt er, warum Entdecken für ihn eine Geisteshaltung ist, welche neuen Horizonte Ärztinnen und Ärzte im Blick haben sollten und wie er selbst im Hier und Jetzt leben lernen will.

 

Herr Piccard, wie kommt es dazu, dass ein Psychiater die Erde mit einem Ballon und einem Solarflugzeug umrundet?

Eigentlich war ich schon Entdecker, bevor ich Psychiater wurde. Als Teenager war ich Kunstflug- und Hängegleiterpilot. Diese Erfahrungen in Extremsituationen haben mir gezeigt, wie man Konzentration und Leistungsfähigkeit steigert, wie man im Moment präsent bleibt und die eigenen Emotionen sowie Ängste kontrolliert. Ich dachte, mit diesem Wissen könnte ich Patientinnen und Patienten helfen, die Krisen und Turbulenzen ihres Lebens zu nutzen, um ihr eigenes Potenzial und ihre Ressourcen zu entdecken. Das brachte mich dazu, Psychiater und Hypnosetherapeut zu werden. Doch mein Beruf war nie ein Hindernis für meine Leidenschaft, den Himmel zu erobern.

Es stimmt, dass mein Vater und Grossvater eine wichtige Inspiration waren. In meiner Familie war Exploration etwas völlig Normales. Als ich 1967 mit meinem Vater im Kino Walt Disneys 20.000 Meilen unter dem Meer sah, dachte ich: «Ich habe Captain Nemo zu Hause!» In den 1960er-Jahren lebten wir in Florida, weil mein Vater für eine amerikanische Firma ein U-Boot gebaut hatte. Damals konnte ich mehrere Apollo-Raketenstarts miterleben, Astronauten der Mercury-, Gemini- oder Apollo-Programme treffen – und auch Persönlichkeiten wie Wernher von Braun, Charles Lindbergh oder Jacques Mayol. Der Kontakt zu all diesen Pionieren gab mir die Gewissheit: Ich wollte ebenfalls ein Leben voller Entdeckungen führen!

 

Sie sagten einmal: «Ich wollte nicht nur die äussere, sondern auch die innere Welt erkunden.» Was fasziniert Sie mehr – die äusseren Expeditionen oder die inneren Reisen?

Beides fasziniert mich sehr. Um die eine Welt zu verstehen, muss man auch die andere erforschen. Es ist wie in der Yin-und-Yang-Philosophie: Was zunächst gegensätzlich wirkt, ist in Wahrheit untrennbar miteinander verbunden und notwendig, um ein Ganzes zu bilden.

Ich wuchs mit einem Vater und Grossvater auf, die Entdecker waren. Doch man übersieht oft, dass ich ebenso stark durch meine Mutter geprägt wurde. Sie interessierte sich sehr für die innere Welt: für orientalische Philosophien, Spiritualität und Psychologie. Da sagte ich mir: Ich möchte diese Welt erkunden. Ich wollte verstehen, was einen Menschen erblühen oder verzweifeln lässt, warum jemand Erfolg hat oder scheitert, wie Geist und Natur des Menschen funktionieren. Deshalb wurde ich Psychiater und Psychotherapeut.

Aber dort blieb ich nicht stehen. Mich interessierten auch Dinge, die an der Universität nicht gelehrt wurden. Ich beschäftigte mich mit Hypnose, Taoismus und traditioneller chinesischer Medizin. Besonders faszinierte mich die Vorstellung des bewussten Erlebens des Augenblicks: dieses Gefühl, im Hier und Jetzt lebendig zu sein. In meinen Therapien habe ich mit Hypnose daran gearbeitet, dass Patientinnen und Patienten wieder Zugang zu sich selbst finden – zu ihrem Potenzial, ihrer inneren Welt, ihren Fähigkeiten und dem Wert ihrer Emotionen.

 

Das macht Sie zu einem Menschen, der weit mehr als nur ein Entdecker oder nur ein Psychiater ist. Welche Ihrer Rollen prägt Sie im Kern am meisten?

Was mich am meisten prägt, ist nicht eine bestimmte Rolle, sondern der Spirit, der sie alle verbindet: Neugier, denn ohne Neugier entdeckt man nichts Neues. Durchhaltevermögen, ohne das man nie Erfolg hat. Und Respekt, der dem Erfolg überhaupt erst Sinn gibt. Dazu kommt der Wunsch, Grenzen zu überschreiten und Dinge zu tun, die noch nie zuvor getan wurden – sei es als Psychiater, der die Tiefen des menschlichen Geistes erforscht, als Hypnosetherapeut, der Türen zu ungenutzten Ressourcen öffnet, als Abenteurer, der physische Grenzen auslotet, oder als Umwelt- und Cleantech-Pionier, der sich für den Schutz unseres Planeten einsetzt. Der rote Faden ist immer derselbe: Gewissheiten in Frage stellen und zeigen, dass das, was viele für unmöglich halten, doch machbar ist.

Im Kern würde ich sagen: Ich bin ein Entdecker – nicht nur der äusseren, sondern auch der inneren Welt. Ich suche stets nach neuen Denkweisen, nach anderen Lösungen, die uns zu einer besseren Lebensqualität und zu einer effizienteren Zukunft führen können. Diese Haltung des Entdeckers ist es, die all meine Identitäten und Tätigkeiten verbindet und mich bis heute prägt.

 

Und hatten Sie bei all Ihren Abenteuern eigentlich nie Todesangst?

Gerade weil ich Angst vor dem Tod hatte, habe ich mich auf jede Expedition so sorgfältig vorbereitet. Ich bin ein Entdecker, kein Draufgänger. Ich wollte sicherstellen, dass meine Chancen auf Erfolg möglichst hoch waren.

Doch lassen Sie mich noch etwas betonen: Routine ist gefährlicher als jedes Abenteuer. Routine ist es, die uns tötet – nicht das Risiko. Während gut geplante, kalkulierte Risiken persönliches Wachstum und Innovation fördern können, macht uns Routine träge und unvorbereitet für die unvermeidlichen Krisen des Lebens. Wer sich neuen Erfahrungen stellt und seine Komfortzone verlässt, gewinnt Selbstvertrauen, kann seine Prioritäten neu ordnen und behält Neugier  wie auch Sinn im Leben.

 

Inwiefern hat die Ausbildung als Psychiater und Hypnotiseur Ihre Expeditionen geprägt?

Meine Ausbildung hat mir geholfen, das Verhalten von Menschen besser zu verstehen und Unterstützung für meine Bemühungen zu finden. Sie hat mir gezeigt, wie ich mögliche Probleme im Voraus visualisieren und die passenden Lösungen entwickeln kann. Zudem hat sie mir geholfen, je nach Situation und Tageszeit entweder schlafen oder wach bleiben zu können. Ganz allgemein ist Exploration für mich eine Geisteshaltung. Wenn wir Neues wagen und scheinbar Unmögliches erreichen wollen, müssen wir verstehen, dass das grösste Hindernis unser eigenes Denken ist. Es sind unsere Überzeugungen und Gewohnheiten, die uns gefangen halten und daran hindern, neue Wege zu gehen.

 

Sie haben gerade gesagt, dass Exploration für Sie eine Geisteshaltung ist. Wann haben Sie denn zuletzt etwas völlig Neues über sich selbst gelernt?

Zurzeit schreibe ich an meinem siebten Buch über den Zustand der Welt und darüber, wie wir mit den Herausforderungen umgehen können. Dabei spreche ich mit vielen Menschen, die ganz andere Denkweisen haben als ich. Das bringt mich dazu, vieles über das Leben neu zu lernen – und jedes Mal muss ich in mein Manuskript zurückgehen und vieles ändern! Das Buch wird am Ende ganz anders aussehen, als ich ursprünglich dachte. Aber das ist normal: Im Leben kann man nur von Menschen lernen, die anders denken als man selbst.

 

Spannend, dass Sie den Zustand der Welt und den Umgang mit Herausforderungen ansprechen. Gerade hat man das Gefühl, dass Ängste allgegenwärtig sind. Warum nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen heute so stark zu?

Der Anstieg psychischer Erkrankungen hängt eng mit der Funktionsweise unserer modernen Gesellschaft zusammen. Vieles läuft im Autopiloten, nicht im bewussten Modus. Wir leben in einer Welt permanenter Beschleunigung, in der Menschen mit falschen Informationen, Druck und Erwartungen überflutet werden. Die Geschwindigkeit des Wandels ist so hoch, dass viele nicht mehr mithalten können – das erzeugt Angst, Stress und Unsicherheit.

Anders als unsere Vorfahren, die mit konkreten, physischen Gefahren konfrontiert waren, sind wir heute umgeben von abstrakten Bedrohungen wie Wirtschaftskrisen, Klimawandel oder dem ständigen Vergleich in den sozialen Medien. Diese unsichtbaren Belastungen schüren Ängste und schaffen einen Nährboden für Depressionen und Burnout.

Was uns heute fehlt, ist nicht materieller Komfort oder Sicherheit, sondern Sinn. Viele Menschen sind von ihren inneren Ressourcen, von Perspektive und Zweck entfremdet. Eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit sehe ich darin, dass wir den Menschen helfen, wieder Vertrauen in sich selbst zu finden, den Mut zur Veränderung aufzubringen, Resilienz im Angesicht von Widrigkeiten zu entwickeln und eine Vision zu pflegen, die über die Angst hinausgeht. Nur so können wir diese Belastungen in Chancen für Wachstum verwandeln.

 

Auch Ärztinnen und Ärzte sollten wohl über eine gesunde Neugierde verfügen und immer mal wieder über Horizonte hinausdenken. Welche «neuen Horizonte» sollten Ärztinnen und Ärzte heute also im Blick haben, um die Zukunft ihrer Patientinnen und Patienten und des Gesundheitswesens mitzugestalten?

Ärztinnen und Ärzte standen schon immer an der Spitze, wenn es darum ging, sich um den einzelnen Menschen zu kümmern. Heute aber ist der Horizont, den sie im Blick haben sollten, viel breiter. Der erste neue Horizont ist Prävention und Lebensstilmedizin: zu verstehen, dass es nicht reicht, eine Krankheit erst zu behandeln, wenn sie auftritt. Es geht darum, Patientinnen und Patienten dabei zu helfen, ihr mentales, emotionales und körperliches Gleichgewicht zu erhalten – und damit viele Krankheiten zu verhindern, bevor sie entstehen.

Der zweite Horizont ist das systemische Denken. Ein Gesundheitswesen kann nicht wirksam sein, wenn es Symptome isoliert betrachtet. Ärztinnen und Ärzte sollten erforschen, wie Umwelt, Ernährung, Stress und soziale Faktoren die Gesundheit beeinflussen. Denken sie in ganzen Systemen, können sie Probleme voraussehen und Lösungen entwickeln, die nicht nur einzelnen Patientinnen und Patienten zugutekommen, sondern ganzen Gemeinschaften.

Wichtig ist zudem, Praktiken nicht pauschal abzulehnen, nur weil sie nicht an der Universität gelehrt wurden. Alternative Ansätze wie traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur, Ayurveda, Homöopathie oder Hypnose können sehr wirksam sein – auch wenn wir sie mit unserem wissenschaftlichen Denken nicht vollständig erklären können.

Und schliesslich sollten Ärztinnen und Ärzte Innovation und Nachhaltigkeit in der Medizin aktiv aufgreifen. Neue Technologien, datenbasierte Medizin oder auch umweltfreundliche Ansätze können die Versorgung transformieren. Wahre Innovation entsteht aber nur dann, wenn sie die Würde des Menschen und des Planeten respektiert. Lösungen müssen wirksam und zugleich verantwortungsvoll sein.

Kurz gesagt: Der neue Horizont für Ärztinnen und Ärzte besteht nicht nur darin, Krankheiten zu heilen, sondern eine Zukunft mitzugestalten, in der Gesundheit bewahrt wird, Systeme widerstandsfähig sind und die Versorgung nachhaltig bleibt.

 

Was raten Sie Ärztinnen und Ärzten, die in einem anspruchsvollen Alltag manchmal auch Gefahr laufen, das eigene innere Gleichgewicht zu vernachlässigen?

Ärztinnen und Ärzte widmen ihr Leben der Fürsorge für andere – und vergessen dabei oft, dass auch sie selbst Fürsorge brauchen. Mein erster Rat wäre: Unterscheiden Sie zwischen Empathie und Mitgefühl. Mit Empathie leiden Sie mit der Patientin, Sie fühlen ihren Schmerz – und das erschöpft. Mit Mitgefühl hingegen verstehen Sie das Leiden, respektieren den Menschen, aber Sie leiden nicht selbst.

Zweitens: Zeit für sich selbst ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. So, wie ein Flugzeug ohne Energie nicht fliegen kann, können auch Sie Ihre Patientinnen und Patienten nicht wirksam begleiten, wenn Ihre eigenen inneren Ressourcen erschöpft sind.

Wichtig ist, Momente der Pause zu pflegen – sei es durch Ruhe, Familie, Meditation oder Tätigkeiten, die Freude und Sinn geben. Das eigene innere Gleichgewicht zu schützen ist nicht egoistisch, sondern der beste Weg, um präsent, mitfühlend und effizient zu bleiben.

Am Ende entsteht Resilienz aus Balance. Eine Ärztin oder ein Arzt, die oder der gut für das eigene seelische und emo-tionale Wohl sorgt, ist in einer viel besseren Position, um andere zu inspirieren und zu heilen.

Und zuletzt: Vergessen Sie nicht, dass man nicht allen helfen kann. Das einzugestehen ist schwer, aber wichtig.

 

Wahre Worte! Das ist wohl eine Entdeckung, die jede Ärztin und jeder Arzt einmal im Leben machen muss. Welche Entdeckung möchten Sie denn unbedingt noch machen – in der Welt oder in sich selbst?

Ich möchte beweisen, dass es möglich ist, Ökologie und Wirtschaft so miteinander zu verbinden, dass sie wirklich vereinbar sind. Viel zu lange glaubten die Menschen, man müsse sich entscheiden: Entweder für eine langweilige, teure und opferreiche Ökologie – oder für eine verschmutzende, aber profitable Industrie. Das ist falsch. Wir können eine profitable und zugleich spannende Ökologie mit einer sauberen Indus-trie verbinden. Durch Projekte wie Solar Impulse und Climate Impulse sowie über 1600 Cleantech-Lösungen, die von der Solar Impulse Foundation zertifiziert wurden, können wir zeigen: Effiziente Lösungen existieren. Sie schaffen sauberes Wirtschaftswachstum und schützen gleichzeitig den Planeten.

Auf einer persönlicheren Ebene möchte ich noch etwas anderes entdecken: wie man vollkommen im gegenwärtigen Moment lebt – ohne ständig in die Zukunft zu projizieren. Einen grossen Teil meines Lebens habe ich damit verbracht, das Kommende zu planen oder mir auszumalen, was als Nächstes passiert. Zu lernen, das Hier und Jetzt tief zu geniessen, wäre für mich eine der schönsten Entdeckungsreisen, die mir noch bevorstehen.

 

Und was denken Sie: Hört das Verlangen nach neuen Abenteuern irgendwann auf?

Nein, niemals. Der Geist der Entdeckung wird mich immer begleiten – und am stärksten vielleicht dann, wenn ich eines Tages erkunden werde, was nach meinem Tod existiert.

Herzlichen Dank, Herr Piccard, für das inspirierende Gespräch und Ihre Gedanken zu inneren wie äusseren Entdeckungen. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und Neugier auf Ihren Reisen – in den Höhen des Himmels und den Tiefen der menschlichen Psyche.